Eine Nacht im Kloster

Eine Nacht im Kloster

Dank einer Arbeitskollegin verbrachte ich eine Nacht vor den Semesterferien im Kloster. Aufgewachsen in einer kleinen Marktgemeinde, geprägt vom Augustiner-Chorherrenstift, dem Marienkrankenhaus und fünf Kirchen für etwa 4.800 Einwohner, hielt sich meine Erwartung stark in Grenzen. Obwohl es sich auch hervorragend ohne Bekenntnis leben lässt, ist der eine oder andere Gedanke — dem ich an diesem Wochenende nachging — vielleicht doch den Klostermauern zuzuschreiben.

Sinnsuche

Den Begriff der Berufung prägte Martin Luther. Die Theologen des Mittelalters unterschieden zwischen der „inneren Berfung“ (vocatio interna) — die Ernennung durch Gott — und dem „äußeren Beruf“ (vocatio externa) — jener Ruf, der auf eine weltliche Instanz zurückzuführen ist. Martin Luther übersetzte das Lateinische vocatio als die Berufung Gottes, allerdings befreite er auch das Wort “Beruf” aus dem göttlichen Kontext und 500 Jahre später lasten die Definitionen “Berufung” und “Beruf” schwer auf unseren Schultern. Der Erwartungsdruck einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen ist groß und endlich gefunden, was man sucht, leidet die Work-Life-Balance. Neben dem Traumjob erwarten wir noch: Traumwohnung, Traumpartner und Traumfamilie.

Wer sich zu einer Aufgabe berufen fühlt, trennt nicht zwischen Arbeit und Freizeit. Geld und Status sind von geringerer Bedeutung, als die Selbstverwirklichung.

Fühlen wir uns zu einer Tätigkeit berufen — im angloamerikanischen calling — identifizieren wir uns als ganze Person damit und unsere Bestimmung deckt sich mit unserem Tun. Beide Leben, das Berufliche und das Private, verschmelzen und wir empfinden es als Aufgabe unserem Ruf nachzugehen. Meine Web-Leidenschaft ist uneingeschränkter Teil meiner Identität.

Freiheitsliebend

Im Job war ich die letzten Jahre eine One-Person-Show. Für mich zählt es zu paradiesischen Zuständen sich mit Gleichgesinnten austauschen zu können, gute Diskussionen zu führen, über Insiderwitze zu lachen und Bullshit-Bingo zu spielen. Der Studiengang “Content Strategy” ist für mich einer dieser herrlichen Orte — ein Platz mit viel freier Entscheidung. Ich habe gelernt, auch im Studium nicht mehr zu trennen, zwischen Noten und Selbstverwirklichung. Ich erlebe gerade selbstbestimmtes Lernen, darf forschen und mich orientieren. Noten, Deadlines, Umfang uvm. sind mir nicht mehr so wichtig.

Die Gesellschaft gibt uns ständig vor, dass wir das Richtige studieren müssen, einen sicheren Job brauchen und ja nicht scheitern dürfen. Es gehört viel Mut und Kraft dazu, auf die innere Stimme zu hören und weniger auf den Ruf von außen.

Nach dem ersten Semester kann ich nur betonen, wie froh ich bin, dass ich auf Heinz Wittenbrinks “Call-List” stand.

Der Artikel ist ursprünglich auf medium.com erschienen.