Love Out Loud and let’s POP some bottles

Die re:publica ist nach eigenen Angaben die größte Konferenz der digitalen Gesellschaft in Europa. Sie bewegt viel. Auch mich – nicht nur von Wien nach Berlin. Eine kleine Ewigkeit ist die Netzkonferenz her und doch wirkt sie intensiv nach. Meine Gedanken waren noch lange danach im Kühlhaus an der Luckenwalder Straße.

„Love Out Loud“ war 2017 das Motto der großen Internetkonferenz. So herzig der Leitgedanke auch klingen mag, das Wortspiel hat einen ernsten Hintergrund. Es ist eine Kampfparole, eine politische Auseinandersetzung. Fake News, Hate Speech, Bedrohung der Pressefreiheit – im Netz dominiert der Hass. Die VeranstalterInnen riefen zu mehr Zivilcourage und Solidarität auf: Sie fordern, für eine freie und offene Gesellschaft einzutreten!

Und dazwischen: Donald Trump zum Kuscheln.

Republica 2017 Donald Trump zum Kuscheln

 

Hässliche Ersatzräume der Realgesellschaft?

Ein Thema jagt bekanntlich das andere und die Webkonferenz ist schon wieder viel zu lange her. Seither hat sich wenig verändert: Die Debatten im Netz werden immer rauer.

2010 wurde das World Wide Web für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. In einem Manifest über den Vorschlag hieß es: „Kontakt mit anderen ist immer das wirksamste Gegenmittel gegen Hass und Konflikte gewesen. Deshalb ist das Internet ein Instrument für den Frieden.“ Hat das Internet – als Instrument der Menschen – gerade andere Pläne?

 

Sendeschluss für die Meinungsfreiheit?

Zeitungen und Zeitschriften geben nur noch einen Teil ihrer Publikationen online zur Kommentierung frei. Die Flut an Hasskommentaren ist nicht mehr zu bändigen. Vor den Trollen wird kapituliert. David Kriesel analysierte über zwei Jahre hinweg Artikel von Spiegel Online. Wie oft es zu Sperrungen der Kommentarfunktionen kommt, veranschaulicht er mit Data-Science-Werkzeugen. Bei welchen Themen Kommentare zugelassen bleiben, ist durchaus ein Politikum, das Kriesel an vielen Beispielen demonstriert:

 

Fehlplatziert?

Dass das mit der Kontrollierbarkeit von Werbung so eine Sache ist, wissen wir nicht erst jetzt, aber spätestens, seit einige Unternehmen heuer im Frühjahr Werbeeinschaltungen bei YouTube ausgesetzt haben. Damit wollten die Firmen sicherstellen, dass ihre Anzeigen nicht auf Kanälen mit extremistischen Inhalten zu sehen sind. YouTube stellte zahlreiche MitarbeiterInnen ein und änderte die Firmenpolitik.

Problem gelöst?

Gerald Hensel machte auf der re:publica 2017 darauf aufmerksam, dass immer noch Marken durch Auktionsplattformen in Umfeldern erscheinen, die vermutlich nicht zu ihrem Image passen. Netzpolitik.org bringt es auf den Punkt: „Werbebudgets sind politischer, als viele von uns denken.“

 

Hasstweets zum Vorlesen?

Und dann sind da die Frauen, die sich endlich trauen, sich über moralische Vorstellungen der Zeit hinwegzusetzen. Sie werden aufs Schlimmste beschimpft, bedroht und beleidigt. Sie werden aus dem Netz verdrängt, diffamiert und letztendlich mundtot gemacht.

Wo kommt der ganze Hass nur her?

„Es ist schwerer ein Video auf YouTube löschen zu lassen, als Schmierereien auf der Klotür zu entfernen.“ (Anna Müller-Funk vom Forschungszentrum für Menschenrechte an der Universität Wien)

 

Einmal mehr abschalten?

Auch immer öfter erleben Staaten einen kompletten digitalen Blackout. 2011 verschwand das Land Ägypten auf einen Schlag von der digitalen Landkarte und heuer im Juni kappte die äthiopische Regierung die Internetverbindung, um SchülerInnen am Schummeln zu hindern.

Die Organisation Freedom House veröffentlicht jedes Jahr den Freedom on the net. 2016 sagt dieser so einiges aus:

  • Zum sechsten Mal in Folge zeigt sich die Abnahme der Internetfreiheit.
  • Weltweit leben zwei Drittel der InternetnutzerInnen in Ländern, in denen Kritik an der Regierung, dem Militär oder der regierenden Familie Gegenstand von Zensur ist.
  • 27 Prozent aller InternetnutzerInnen leben in Ländern, in denen UserInnen für das Teilen von Inhalten festgenommen wurden.
  • Messaging-Apps wie z. B. WhatsApp rücken immer mehr ins Zentrum von Repression.

 

Flugticket schon in der Inbox!

Während ich so schreibe, meldet sich mein Host (er heißt Gerhard) via WhatsApp und bestätigt meine Unterkunft für Mai.

Ganz sicher werde ich diesmal ein Lineal für den Teppich mitnehmen, wieder die veganen Manner-Schnitten und unbedingt Grünen Veltliner einpacken.

Ich glaube nicht, dass es im Netz nur noch Hass gibt. Ich glaube aber, dass die Liebe zwischen Bashing und Rant schwerer zu finden ist.

Gerade deswegen gilt das Motto noch immer: Love out loud! Und außerdem werde ich nächsten Mai zu Gertschi sagen: „And let’s POP some bottles!“

re:publica, ich freue mich!

 

Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Tim_Berners-Lee
https://futurezone.at/digital-life/projekt-geht-gewalt-gegen-frauen-im-netz-auf-den-grund/285.802.676
https://www.bmgf.gv.at/home/Frauen_Gleichstellung/Gewalt_gegen_Frauen/Gewalt_im_Netz/
https://www.vice.com/de_at/article/5g4zxd/motherboard-die-regierung-in-venezuela-schaltet-das-internet-ab
http://www.sueddeutsche.de/digital/zensur-wenn-die-regierung-das-internet-abschaltet-1.2998181
https://www.heise.de/newsticker/meldung/Aethiopien-schaltet-Internetzugang-ab-3730459.html
http://derstandard.at/2000027144909/Donald-Trump-will-Bill-Gates-anrufen-um-Internet-abzusperren
https://freedomhouse.org/report/freedom-net/freedom-net-2016
https://netzpolitik.org/2016/freedom-on-the-net-report-2016-internetfreiheit-weltweit-auf-dem-rueckzug/
https://re-publica.com/de/eu17/news/republica-goes-pop
https://re-publica.com/de/17/page/rpeurope-rp18-im-ueberblick