Innenarchitektur und visuelle Kommunikation – Daniela Holzer

Mindfile: Algorithmen, Psycho AI und Studium – alles völlig normal.

W

as passiert, wenn man nochmals studiert? Simple Antwort: Die Matrikelnummer wird weitergeführt. Ich bin noch einmal immatrikuliert. Ja, schon wieder. Und nein, Weiterbildung ist kein Fetisch von mir und genauso wenig huldige ich dem lebenslangen Lernen – eventuell bin auch einfach nur latent gestört.

Fast moving creditpoints

Im Grunde ist genau das Gegenteil der Fall: Ich stehe dem Bildungswahnsinn durchaus kritisch gegenüber. Meistens passen vordefinierte Strukturen, wie sie auf vielen Hochschulen zu finden sind, nicht zu meinem Zukunftsbild. Und mal ganz abgesehen davon kann die Rechnung des Gleichmachens – in Form von gleichen Zielen, gleichen Prüfungen, gleichen Vorstellungen, Akademikern mit gleicher Ausbildung und Lebensläufen, die ins gleiche Formularfeld passen sollen – meines Erachtens gar nicht aufgehen. Dies geht so weit, dass Masterarbeiten, die vom diktierten Schema abweichen und zu viele eigenständige Überlegungen enthalten, für Studierende und Lehrende unbestreitbar zeitaufwendig sind. Die Themenauswahl für Bachelorarbeiten wird vorgeschrieben und selektiert – der beste, also reibungsloseste Notendurchschnitt macht dann das Rennen. Ganz einfach: schlechte Noten, schleppendes Thema. Es wird der neueste Stand recherchiert, zitiert und wiedergekaut. Eigene Forschungsidee? Bitte nicht!

Standardisierung, so weit das Auge reicht. Zeitsparende Multiple-Choice-Tests mit vorgegebenen Antworten: praktisch nur zum Ankreuzen. Statt Evaluieren, lieber ein Training im Erkennen von Mustern, das Bestehen mithilfe von statistischen Kniffen – und keinesfalls zu viel eintippen, denn dafür gibt es Minuspunkte. Mehr Itemanalyse, weniger Hinterfragen.

Learning to the test: keine Zeit, kein Freiraum und keine Leidenschaft, etwas auf sich wirken zu lassen oder kreativ damit umzugehen.

Für weniger uniforme Prüfungen fehlt einfach die Zeit. Die Prüfungsordnung gibt genaue Timings vor, sonst klappt es nicht rechtzeitig mit den Creditpoints.

Eine Identitätsgleichung

Danach folgt das gleiche kleine Zuhause, in der gleichen adretten Biedermeierwelt, ein farblich abgestimmter Gartenzaun, hinterlegt mit einheitlichen Instagram-Filter.

Ist es nicht herrlich, wenn alles so schön eingrenzbar ist?

In Wahrheit ist die Sache aber richtig kompliziert: Wir bräuchten Lösungen für alles Mögliche.
Wir leben in einer Welt, die komplex ist. Das ist uns bewusst. Gerade deswegen ist es umso wichtiger, Wahrheit von Scheinwissen unterscheiden zu können, mit anderen Worten: kritische Urteilsbildung. Aber nicht nur das: Wir brauchen interdisziplinäre Teams, die die Zukunft intelligent und in Vielfalt gestalten. Wir brauchen neue utopische Gedanken, die nicht rückwärtsgewandt sind und Technik, die man mag.

Dafür gibt es aber in der Regel keine Standardantworten und das alles befindet sich auch jenseits des Biedermeierzaunes.

Algorithmen füttern im Bademantel

Die neuen Technologien werfen so viele Aspekte auf, die wir noch nicht ausreichend betrachtet haben, um darüber eine offene Debatte führen zu können:

  • Wie wollen wir im Jahr 2050 leben?
  • Wie soll unsere Zukunft überhaupt aussehen?
  • Wer trägt die Verantwortung bei Fehlurteilen der Software?
  • Wie stehen unsere Daten im Zusammenhang?
  • Wo hören wir auf, intelligente Maschinen zu steuern, und wo beginnt die Selbststeuerung?

Ich fürchte, uns ist momentan noch nicht einmal klar, welche Fragen überhaupt zu stellen sind. Und doch gibt es bereits Erklärungen: „Mustererkennung und der Algorithmus sind geheim“.  Damit scheint alles gesagt.

Wir füttern die Algorithmen indes brav weiter, damit sie lernen, uns noch besser zu verstehen. Es ist bequem, wenn die Dating-App, für die richtige Formel der Liebe, zugleich den Musikgeschmack, den Standort sowie den sozialen Status überprüft und der Algorithmus bereits zu 75% weiß, ob wir links oder rechts swipen werden. Aber keine Sorge: Haarscharf passt es dann doch nicht, denn zu große Übereinstimmung, so weiß die Software, tut der Liebe nicht gut.

Es ist verständlich, dass derartig viele Möglichkeiten die menschliche Entscheidungskraft erschöpfen – andererseits: die Maschinen sind nie müde. Und zuverlässig sind sie, keine Frage – wie die Daten, mit denen sie gefüttert werden. Willkommen „Normen“, im Club der Psycho AI!

Smart Watch. Smart Life. Smarte Antworten.

Gewiss ist es angenehm, ausschließlich passgenaue Antworten vor Augen zu haben. So wird es uns von den Digitalisierungsriesen eben antrainiert. Grundsatzentscheidungen treffen wir vorab schon beim Erstellen unseres Profils – sei es auf Social Media, auf Tinder oder beim Anlegen der Smart Watch. Je mehr Optionen wir haben, desto zeitintensiver wird das Ganze. Zunächst sollten wir also pragmatisch vorgehen, danach kommen nur noch Einzelfälle. Was nehmen wir an, was lehnen wir ab?

Sich nicht dauernd entscheiden zu müssen, nur so weit vorauszudenken, um nicht ständig an alles denken zu müssen. Brillant! Derart ökonomisch waren unsere Entscheidungen noch nie und was dahinter abläuft, begreifen wir nur noch schwer.

Alles so neu, dass einem schwindelig wird

Nun gut, aber wie sieht es abseits des eigenen Rechners aus?

In der Zukunft des Medientheoretikers Norbert Bolz wird aus dem menschlichen Dasein ein neues nanostrukturiertes Leben. Die menschliche Existenz erhält eine neue Form: Der Mensch besiegt seinen Mythos. Die von ihm entwickelten Technologien auf den Gebieten der Gentechnik und Teilchenphysik, sowie der Mikroelektronik verleihen ihm verantwortungsvolle Fähigkeiten. Defizite und naturbedingte Mängel, wie Krankheit und Alter werden ausgeglichen – das geht bis zum künftigen Mischwesen: dem Menschen als Cyborg. Während sich der Mensch technisch optimiert, werden die Maschinen dem Menschen immer ähnlicher – sie sind nicht nur mehr Maschinensklaven, sondern auch Mindchildren, soweit die Theorie.

Und haben wir erstmal den Uncanny-Valley-Effekt überwunden, können wir uns gleich fragen, wie es ist, sich vor der künstlichen Intelligenz auszuziehen? Oder ist es gar gemein, einem Roboter Gewalt anzutun?

Und da geht noch mehr: Vollkommene Automatisierung, kryptobasierte Währung statt Bargeld, Automatisierung der Kommunikation, Überwachung – der Mensch versinkt völlig im Cyberspace und so weiter und so fort. Derart betrachtet sieht die Zukunft nicht gerade rosig aus. Das kann Angst machen – das wäre aber unnötig: Denn wir können mitdenken und mitgestalten, Entwicklungen hinterfragen, aufklären und die Angst nehmen.

Die Aufgabe besteht darin, Interaktion zwischen Mensch und Maschine positiv zu gestalten und Hierarchien sowie Komplexität auf reflektierte Weise abzubauen. Bolz delegiert das an den Designer und kürt ihn zum wise stuart of the planet. Er ruft also nach einem Hirten, der die technologischen Phänomene und Chancen bewertet, abwägt und im Interesse bzw. zum Wohle der Menschen nutzt. Angesichts dessen dürfen sich Designer geschmeichelt fühlen.

Es wäre aber zu einfach, die ganze Verantwortung allein den Designern, Gestaltern, Unternehmen oder den Entwicklern, den Bildungsinstituten und der Politik zuzuschreiben. Von zentraler Bedeutung ist nämlich der Mensch selbst. Das heißt, dass er darüber nachdenken muss, welche Konsequenzen sein Handeln hat und es an ihm liegt, ein Stück Welt und Zukunft mitzugestalten – ganz ohne Psychomoral und Utopisten-/Idealisten-Rolle.

Daseinsdesign

Im übertragenen Sinn bedeutet das für mich: Wo finde ich nun ähnlich Gestörte, die positives Weltentwerfen – wie es Friedrich von Borries tituliert – als genauso wichtig erachten? Für mich war naheliegend: im Klassenzimmer einer Uni – letztendlich in einem Studiengang im Bereich integrierter Gestaltung.

Am Schluss drängt sich dann nur noch die Frage auf: „Würdest du dir über all das Gedanken machen, wenn du wüsstest, morgen sterben zu müssen?“ Meine Antwort ist: „Ja! Mein Blick richtet sich nach vorne, denn ich glaube nicht an zurück!“

Eigentlich alles völlig normal …


Uncanny-Valley-Effekt: Das Schlagwort ist unheimliche Ähnlichkeit. In der Robotik bezeichnet der Begriff „Uncanny Valley“ (unheimliches Tal) den messbaren Effekt, dass die menschliche Akzeptanz für Roboter schlagartig abfällt, wenn diese dem Menschen zu sehr ähneln.

Mindchildren: Der österreichisch-kanadische Robotik-Experte Hans Moravec entwarf 1988 in seinem Buch „Mind Children“ die Vision eines künftigen posthumanen Zeitalters, in dem unsere Geisteskinder, die intelligenten Maschinen, das Menschengeschlecht abgelöst haben. Hyperintelligente Roboter könnten in Zukunft intellektuelle Kapazitäten des Menschen nahezu perfekt simulieren, auch wenn das Robotergehirn anders als das menschliche funktioniert.

Weltenwerfen: In seinem Manifest Weltentwerfen – Eine politische Designtheorie plädiert Friedrich von Borries für ein entwerfendes Design (des Überlebens, der Gesellschaft, des Selbst), das sich der totalitären Logik der Versicherheitlichung entzieht und gegen die Ideologie der Alternativlosigkeit neue Formen des Zusammenlebens imaginiert.


Links:

Raum und Information – Blog Masterstudium NDU:https://raumundinformation.com/
Semesterprojekt – Masterstudium NDU:https://raumundinformation.com/2018/10/08/auf-ein-neues-semesterstart-18-19/
Perfekte Unvollkommenheit: Störungen in Kunst und Design:https://www.shutterstock.com/de/blog/perfekte-unvollkommenheit-stoerungen-in-kunst-und-design
Das Ende der Design-Utopisten-Diskussion?https://designismakingsense.de/blog/das-ende-der-design-utopisten-diskussion/
Made in Utopia – Briefing für das Design der Zukunft:https://goo.gl/odhzWa
Wir sind gestört. Zur Lage der Designer in Deutschland: https://www.designmadeingermany.de/2015/90919/
Design macht vielleicht das Leben schön – aber es gefährdet die Welt:https://www.nzz.ch/feuilleton/wer-rettet-die-welt-vor-designern-victor-papanek-ld.1370606
Heute ist der Mensch sein eigener Designer:https://www.welt.de/kultur/article1874560/Heute-ist-jeder-Mensch-sein-eigener-Designer.html
Algorithmen und Künstliche Intelligenz: Wir reden an unserer Zukunft vorbei https://netzpolitik.org/2018/algorithmen-und-kuenstliche-intelligenz-wir-reden-an-unserer-zukunft-vorbei/

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