Home-office

Selbstständigen-Elegie

Arbeiten von zu Hause hört sich zunächst traumhaft an: kein nervtötender Anfahrtsweg, dafür existenzorientierte Zeiteinteilung, ein Schreibtisch als lebender Organismus, eine kompromisslose Playlist und die Jogginghose als Freelancerkluft. Trautes Heim, Arbeitsglück allein? Von wegen! Denn hat man sich erst von der Corporate Identity eines Unternehmens losgesagt, sich befreit von Zwängen und Hierarchien und es soeben anfängt Spaß zu machen: Gerade dann rollt unbemerkt die Gefühlswelle der Einsamkeit heran.

Einsiedlerisches Vorsichhinmuckeln

Im Grunde hat der hippe Webworker mehrere Hundert Social-Media-Freunde, mit denen er sich jederzeit austauschen kann und, ebenso lebendig, sein Privatleben außerhalb des Smartphones.  Auch wird regelmäßig dort gearbeitet, wo Menschen sind: im Zug, im Café, im Coworkingspace oder im Park. Doch irgendwie richtig zusammen ist man auch nicht.

„Ich sehne mich immer nach dem Alleinsein, aber bin ich allein, bin ich der unglücklichste Mensch.“ (Thomas Bernhard)

Abgesehen davon taucht die Einsamkeit nicht durch reales Alleinsein auf. Alleinsein bedeutet nicht per se einsam zu sein. Ich für meinen Teil brauche viel Ruhe, um frei denken zu können und um kreativ zu sein. Das gelingt mir im Homeoffice am besten. Gewiss geht es vielen Selbstständigen so und trotzdem hat die Sache einen Haken: das triste „Solo“ in Solopreneur.

Denn genau genommen hängt jede Entscheidung, jede Idee, alles was man tut, von einer Person ab: von einem selbst, alleine.

Allein Feiern für Anfänger und Weihnachtsfeier für Fortgeschrittene

Dies brachte neulich eine Leidensgenossin treffend auf den Punkt:

„Wir haben gelernt, Probleme alleine zu meistern. Wenn wir hinfallen, stehen wir alleine wieder auf und meistens weinen wir auch lieber alleine. Was wir aber weniger gut können: Erfolge alleine feiern“.

Zugegeben ich hätte ebenfalls erfolgreiche Projekte, die zu begießen wären, aber auch ich übe noch das Feiern mit mir. Zunächst versuche ich es einmal zu dritt – auf meiner ersten betrieblich organisierten Freischaffenden-Weihnachtsfeier. Mit anderen Worten: Ich verzichte nun darauf, 15 Ideen oder 13 nützliche Tricks aufzulisten, da sich mit ausgelassenen Weihnachtsfeiern und ein paar guten Tipps sicher kein Patentrezept ableiten lässt. Dass das Einsamsein kein neues Phänomen der Einzelkämpfer-Businesswelt ist, sondern vielmehr eine Plage unserer heutigen Gesellschaft ist  klar.  Und nicht mal hier entkommt man der Einsamkeit komplett, denn letzten Endes kann man auch nur alleine darüber bestimmen, wie übel sie einen erwischt.

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