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Nicht ohne Fahrradausweis – Schloss Schönbrunn im Augenschein der Memoria. Abschnitt II

Auswahl Foto

Nach einer kurzen Einführung Dr. Koderas im Foyer des Museums waren wir flugs im ersten Stock und fanden uns inmitten einer faszinierenden Ausstellung wieder. Ich benötigte ein paar Minuten, um mich zurechtzufinden. Letzten Endes konnte ich mir aber einen recht guten Überblick verschaffen und fand auch mein Forschungsexponat bereits nach kurzer Zeit.

Hatte man den Eingangsbereich erst mal hinter sich gelassen und den anschließenden Raum durchquert, einmal der Länge nach, vorbei an der ersten roten Täfelung, befand man sich in jenem Teil der Ausstellung, der mit Habsburgs Ende betitelt wurde: Dort hing mein Foto.

„Die Stimmung gegen das Kaiserpaar ist auch in Oesterreich die denkbar übelste“, notierte Franz Brandl, der Wiener Polizeichef am 28. Oktober 1918 in sein Tagebuch.

Am nächsten Tag hielt er fest, dass die Menschenmassen über die Ringstraßen zogen und schrien: „

Wir wollen die Republik! Nieder mit den Habsburg!“ (Holzer 2018, 41).

Über dem Foto, das ich mir ausgesucht hatte, prangte ein Zitat von Sigmund Freud:

„Die Habsburger haben nichts als einen Dreckhaufen hinterlassen“ (Freud/Ferenci, vgl. Briefwechsel, II/2, 186f.).

Mit diesen Worten schilderte er Sandor Ferenczi in einem Brief vom 17. November 1918 die unerfreuliche Lage an der Heimatfront:

„Ich weine übrigens weder dem Österreich noch dem Deutschland eine Träne nach“, schrieb er (Freud/Ferenci, vlg. Briefwechsel, 140).

Am 11. November, zwei Tage nachdem die Republik in Berlin ausgerufen worden war, und am selben Tag, an dem die Deutschen einem Waffenstillstand mit den Alliierten zustimmten, trat Kaiser Karl I. zurück und verzichtete auf seinen Thron. Die Republik Deutschösterreich wurde am 12. November ausgerufen (Lohmann & Pfeiffer 2013, 7).

Erinnerungsgeschichtlich ist die Erste Republik als „Rest“, der von der Monarchie blieb, als „Staat, den keiner wollte“ oder auch als „Staat wider Willen“ charakterisiert. Dieses Bild entstand jedoch erst nach 1945 als Negativfolie zum Erfolgsprojekt Zweite Republik. Es verschweigt die Hoffnungen und Chancen nach der Monarchie, nach dem Krieg, die von vielen Menschen mit dieser Republik verknüpft wurden

(Stangl 2014).

Binnen weniger Tage löste sich die habsburgische Herrschaft in Österreich auf: Sie hatte bis zu diesem Augenblick fast 640 Jahre angedauert.

Karl und Zita verbrachten ihre letzten Tage der Monarchie im Schloss Schönbrunn – die letzte Bastion der habsburgischen Macht. Schauplatz war jedoch nicht das reguläre Apartment der kaiserlichen Familie, denn dieses war zu jener Zeit eine große Baustelle. Das Schloss sollte nach dem Tod Kaiser Franz Josephs I. einer weitreichenden Renovierung unterzogen werden, die aber aufgrund des Krieges nicht abgeschlossen werden konnte. Aus diesem Grund bezogen Karl und Zita das Apartment Maria Theresias, welches am Ende als Gästezimmer fungierte.

In dieser Raumfolge nahmen die Geschehnisse ihren Lauf: Nach der Verzichtserklärung, die im Blauen Salon unterzeichnet wurde, verließ das Kaiserpaar das Schloss und verabschiedete sich von seinen letzten Getreuen. Im Vorhof hatten bereits die Automobile auf das ehemalige Kaiserpaar gewartet. Um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erwecken, verließ die Wagenkolonne Schloss Schönbrunn nicht wie üblich durch das Haupttor, sondern durch ein Nebentor. Ein Konvoi von sieben Automobilen setzte sich in Gang, der noch in derselben Nacht im Jagdschloss Eckartsau eintraf. (Brook-Shepherd 2003, 53–60).  

Auf dem Foto, das ich mir ausgesucht habe, war das kaiserliche Domizil bereits verlassen. Wachen standen vor dem Haupttor. Am Ehrenhof lag Schnee.

Verwaistes kaiserliches Domizil: Wachen vor dem Eingang von Schloss Schönbrunn, Dezember 1918, Foto: Richard Hauffe © Wien Museum

Abschnitt I –  Memoria, Erinnerung, Gedächtnis
Abschnitt II –  Auswahl Foto
Abschnitt III –  Bildaufbau und Bildbeschreibung 
Abschnitt IV – Geheime Wege
Abschnitt V – Erinnerungstourimus
Abschnitt VI – Schönbrunn als Erinnerungsort


Brook-Shepherd, G., 2003. Uncrowned Emperor – The Life and Times of Otto von Habsburg. 1. Auflage Hrsg. London: Hambledon and London.

Freud, S., 1996. Tagebuch 1929-1939 – Kürzeste Chronik. 1. Auflage Hrsg. Basel/Frankfurt am Main: Michael Monlar.

Holzer, A., 2018. Ausstellungskatalog: Die erkämpfte Republik – 1818/19 in Fotografien. 1. Ausgabe Hrsg. Wien: Residenz Verlag.

Holzer, A., 2018. Vorwort: Die erkämpfte Republik – 1818/19 in Fotografien. 1. Ausgabe Hrsg. Wien: Residenz Verlag.

Lohmann, H.-M. & Pfeiffer, J., 2013. Freud- Handbuch | Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage – ursprünglich erschienen im Verlag J.B. Metzler Hrsg. Stuttgart · Weimar: Springer-Verlag GmbH Deutschland.

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[…] nach oftmaligem Betrachten bleibt das Foto aus der Ausstellung bizarr. Es scheint, als hätten die Soldaten alleine Sorge zu tragen, dass das […]