Fahrrad

Nicht ohne Fahrradausweis – Schloss Schönbrunn im Augenschein der Memoria. Abschnitt IV

Geheime Wege

Ich durchquerte auf’s Neue den Resselpark – diesmal jedoch mit Schirm und aufgestelltem Kragen. Ohne Umschweife nahm ich den nächsten Zug der U4 und fuhr bis zur Station Schloss Schönbrunn durch.

Wäre das Wetter nicht so kapriziös gewesen, hätte ich sicherlich das Rad zur ehemaligen Chatternburg genommen. Der Wientalradweg führt vom Ring über den Naschmarkt, dann vorbei an Schönbrunn bis in den Wienerwald. Ungefähr neun Kilometer ist die Strecke lang.

Mit dem Rad fährt man parallel zur U-Bahn-Linie U4 bzw. dem Becken des Wienflusses. Kommt man von der

Dort startet der breit asphaltierte Rad-Highway und der Rest des Weges wird zur rasanten Fahrt: Linke Wienzeile, Rechte Wienzeile, Linke Wienzeile, parallel zur U-Bahn, Rampe rauf, Rampe runter, Notbremsung, Böschung, man wird überholt, ausgebremst, die Landschaft zieht vorbei und so weiter und so fort: Es ist ein lebhaftes Überholspiel mit Fremden, von dem man einfach mitgerissen wird.

Am Areal in Schönbrunn sind Fahrräder jedoch nicht erlaubt, davon ausgenommen sind Mieter_in. Dafür gibt es einen eigenen Fahrradausweis, den man im Bedarfsfall vorzeigen muss, es gilt: „der Fahrradausweis ist immer mitzuführen“!

Genauer bedeutet das: Möchte man durch eines der Seitentore nach Schönbrunn – sprich dem Meidlinger Tor, dem Hietzinger Tor oder dem Haupttor – hat man sich mit dem Rad offiziell auszuweisen.

Kaiser Franz Joseph bezeichnete im Übrigen das Radfahren als „wahre Epidemie“ (Békési & Eder 2005, 117–123).

Die U-Bahn-Station Schloss Schönbrunn befindet sich neben dem Wienfluss westlich der Schönbrunner Brücke. Die beiden Ausgänge führen auf die Grünbergstraße auf der einen Seite und die Schönbrunner Schlossstraße auf der anderen Seite.

Die heutige U4 wurde 1894 gebaut und 1898 durch Kaiser Franz Joseph I. eröffnet. Otto Wagner zeichnete sich für den Entwurf der Haltestellen verantwortlich – ebenso für den kaiserlichen Wartesalon nahe dem Schloss. Der Architekt hatte die Idee, eine Haltestelle nur für den Kaiser zu errichten. Der Kaiser allerdings, hat seine Haltestelle, den Pavillon des k. u. k. Allerhöchsten Hofes, nur zweimal benutzt (Wiener Tourismusverband 2009).

Ich wechselte, wie all die anderen Besucher, die Straßenseite beim Fußgängerübergang der Orangerie. Hätte ich noch in Schönbrunn gearbeitet, wäre ich in die kleine grüne Seitentüre geschlüpft. Danach wäre ich den finsteren Gang entlanggelaufen. Ich hätte es vermieden, ein Licht aufzudrehen, kurz nach der Feuerleutnantstiege wäre ich eventuell mit meinem ehemaligen Chef zusammengestoßen (weil auch er selten ein Licht aufdreht), um dann gleich weiter in Richtung Hauskapelle zu eilen.

Für gewöhnlich strömen die Touristenmassen parallel zum finsteren Gang dahin, entlang der schönbrunnergelben Außenmauer, bis hin zu den Rosenstöcken. Im Sommer machen sie dort kurz halt, um die ersten Fotos zu schießen. Ich hätte jedoch bereits den Feuerleutseitengang erreicht, um den finsteren Gang zu verlassen, wäre beim Zuckerbäckerstöckl rausgekommen und gleich wieder in den Hofküchentrakt abgetaucht, um kurz danach in den Kavalierstrakt zu entschwinden, mit dem Ziel, am Ehrenhof zu landen.

Für mich war dies „mein“ Geheimweg[1], weniger prunkvoll, aber umso effektiver. Da ich damals auf der Meidlinger Seite arbeitete (im Kavalierstrakt) und zugleich auf der Hietzinger Seite wohnte (Hausdienergang), war ich also im Besitz eines sehr attraktiven Schlüsselpaars.

Objektiv betrachtet sind die restlichen Innenräume des Schlosses, außer der Prunkräume bzw. der Orangerie und der Wagenburg, wenig aufregend: In den Seitentrakten finden sich weder prunkvolle Räume noch Geheimnisse oder sonstige Besonderheiten. Stattdessen sind Mietwohnungen, Lagerräume, Geschäftsräume usw. dort angesiedelt. Mein damaliger, redseliger Nachbar pflegte zu sagen: „Sie haben im Krieg alles rausgepufft, die ganzen Hofküchen, alles, und danach haben sie Wände eingezogen“.  

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges herrschte furchtbares Elend. Männer, Frauen und Kinder hungerten, litten unter der Kälte, der Obdachlosigkeit und dem Hunger – 80 Prozent aller Wiener Kinder galten als schwer unterernährt. Das kaiserliche Sommerschloss ging nach dem Ersten Weltkrieg in das Eigentum der Republik über. Die Repräsentationsräume wurden dem Kriegsbeschädigtenfonds übergeben und die Führungen, die daraufhin in den Räumen stattfanden, die der Öffentlichkeit zuvor unzugänglich geblieben waren, sollten Einnahmen zugunsten der Kriegsopfer bringen. Der zweite und dritte Stock des Hauptgebäudes wurde den Kinderfreunden zur Benutzung zugeteilt – sie sollten den ärmsten Opfern des Krieges, den Kindern, Zuflucht gewähren. Unter der Leitung von Otto Felix Kanitz und Anton Tesarek wurden ein Internat, ein Kinderheim und eine Bibliothek mit Lesesaal eingerichtet (Bindel 2008, 150).

Ich überlegte kurz, ob ich mir ein Ticket besorgen sollte und blicke mich skeptisch nach den vielen Wartenenden um. Immerhin musste ich schon in wenigen Stunden wieder im Museum sein. Aber plötzlich beschlich mich das Gefühl, dass ich nur hierher gekommen war, um in der Schlange zu stehen. Für einige Sekunden sah ich das Schicksal der Soldaten auf dem Foto vor mir und ganz plötzlich konnte ich geradezu fühlen, wie sie stundenlang in gespannter Haltung vor dem Haupttor gestanden waren und versucht hatten, die Geschehnisse um Schloss Schönbrunn zu kontrollieren.

Abschnitt I –  Memoria, Erinnerung, Gedächtnis
Abschnitt II –  Auswahl Foto
Abschnitt III –  Bildaufbau und Bildbeschreibung 
Abschnitt IV – Geheime Wege
Abschnitt V – Erinnerungstourimus
Abschnitt VI – Schönbrunn als Erinnerungsort


[1] Tatsächlich liegt die Geheimstiege im Hauptgebäude des Schlosses.


Békési, S. & Eder, E. G., 2005. Umwelt Stadt: Geschichte des Natur- und Lebensraumes Wien. 1. Ausgabe Hrsg. Wien/Köln/Weimar: Karl Brunner/Petra Schneider.

Bindel, J., 2008. Die Schönbrunner. Vision, Erfüllung, Ausklang, 1990; Heinz Weiss, Das Rote Schönbrunn. Der Schönbrunner Kreis und die Reformpädagogik der Schönbrunner Schule. 1. Auflage Hrsg. Wien: echomedia verlag.

Wiener Tourismusverband , 2009. WienTourimus. [Online]
Available at: https://www.wien.info/de/sightseeing/sehenswuerdigkeiten/jugendstil/wagner-pavillon
[Zugriff am 3 12 2018].

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