Notizbuch

Zitate. Lieblingsstellen. Erste Wörter. Letzte Sätze. Fundstücke in Büchern, die einem nicht mehr aus dem Sinn gehen.

Mein Notizbuch ist 130 x 180 mm groß. Es ist dunkelgrau. Streng genommen ist es ein leichter Khaki-Ton mit einem geometrischen Muster. Es hat 128 Seiten – meines hat nur noch 118 Seiten, weil ich im letzten Sommerurlaub einige rausgerissen habe. Davon mal abgesehen, kann ich mir aussuchen, ob ich auf weißem oder braunem Naturpapier schreiben möchte. Die Vorder- und Rückseite sind aus stabiler Graupappe, mit feiner Heißfolienprägung. Das Label, eine goldene Schriftprägung, befindet sich in der linken unteren Ecke. Irrtümlich habe ich verkehrtherum zu notieren begonnen, folglich ist bei mir der goldene Schriftzug in der rechten oberen Ecke bzw. auf der Rückseite – und steht Kopf.

Für mich ist es nicht bloß ein Notizbuch. Für mich ist es weit mehr: Es ist Begleiter, ein Vertrauter – mein Komplize.

Wolkenkuckucksheim

Das Büchl beinhaltet Gedanken, Zitate, Lieblingsstellen, Sätze, einzelne Wörter oder ganze Buchpassagen, die ich beim Lesen einzufangen versuche. Es kann schon mal vorkommen, dass sich das eigene Geschriebene nachher schwer entziffern lässt – ich verfüge über keine sonderlich präzise oder ordentliche Handschrift –, aber letzten Endes bringt man dann doch alles wieder wortschlau zusammen, was so zusammengehört. Und schließlich und endlich ist es auch nur (m)ein literarischer Mikro-Kosmos.

Jedenfalls finden sich dort tollkühne Metaphern, eine Menge Kitsch, großartige Weisheiten und viele Ausrufezeichen: Es ist quasi die Nabelschnur zu meiner universellen Grübelei – gerade deswegen verehre ich dieses Bücherl so.

In der Erzählliteratur sind es meistens die letzten Sätze, die besonders wichtig sind – die Kunst des Aufhörens kuratiere ich daher am liebsten. Wenngleich ich nicht zu denen gehöre, die unbedingt lesen müssen, dass alles gut wird. Benedict Wells bringt es auf den Punkt: „Es gibt kein Happy End. Es ist leider wahr, wir werden alle sterben und ich kann niemanden anlügen“.

Wenn sich die ganze Essenz eines Buches auf der letzten Seite auftut oder im allerletzten Satz entlädt, so wie in der Erzählung Der Mann, der Inseln liebte:

Er drehte sich um und spürte schon seinen Atem im Rücken.

David Herbert Lawrence

… dann sind es diese berauschenden Schlusssätze – aufgeschaukelt, am höchsten Punkt stehengelassen –, die ich für gewöhnlich in meinem Fundus dokumentiere. Und selbst wenn der Insulaner, in dieser Geschichte, an seiner eigenen Schöpfung scheitert und daran zugrunde geht: Die letzten Worte von D. H. Lawrence bleiben.

Finale Grande: Ich springe auf, wetze, die letzten Worte noch murmelnd durchs Zimmer – vorausgesetzt ich breche nicht in Tränen aus, in eher seltenen Fällen passiert alles gleichzeitig – und ergänze sie mit: “ … wo Bitteschön ist mein Buch? Ich muss diesen Absatz sofort in den Sammelband aufnehmen!“ So ungefähr, läuft die diffizile Organisation meiner Objektsammlung ab.

Aber ich mag nicht nur starke oder zärtliche Schlussstriche, sondern auch, wenn die Lektüre mit einem ordentlichen Tusch beginnt – oder sich zumindest nicht Nullachtfünfzehn anlässt. Wie der erste Satz in Rayuela von Julio Cortázar:

Auf seine Weise ist dieses Buch viele Bücher, aber es ist vor allem zwei Bücher.

Julio Cortázar

Par excellence: Das Konglomerat ist um einen Eintrag von Cortázar reicher. Dass ich als Leser dann noch selbst bestimmen kann, ob ich mit Kapitel 56 starten möchte oder in der üblichen Reihenfolge lese, ist schon fast Internet-verdächtig.*

Ferner ist es auch nicht schlecht, genau im Mittelteil eines Romans auf etwas Gescheites zu stoßen. Wie zum Beispiel in Die Schrift, die Mitte, der Trost von Bastian Schneider:

Bleib in der Mitte, sagte man mir. Wo bitte soll das sein?

Bastian Schneider

Was für eine kokette Selbstreflexion: schon aufgeschrieben und verwahrt! Im Grunde könnte ich es nun mit dem kleinen Bücherl bewenden lassen, aber wie traurig, die gesammelten Schätze rein in der Schublade zu horten. Und somit ist es beschlossene Sache:

Hiermit eröffne ich feierlich die unsachliche, verzerrte, befangene, subjektive und inkonsequente Sammlung meiner Fundstücke.

Erstes und kostbares Ausstellungsstück ist:


9. Jänner 2019 – (an dieser Stelle: Bon anniversaire)!

Simone de Beauvoir | Briefe an Sartre: 1930 – 1939

[…] wir werden nicht schön reich sein und nicht einmal schön sauber, und die Zerstreuungen werden vor allem intellektueller Natur sein […]


28. Jänner 2019

Wilhelm Genazino | Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz

Für Sekunden spüre ich Mozarts Schicksal ganz nah, ich sehe seine Abweisung und sein Untergehen in der Stadt, ich höre den gemütlichen Spot in meisterhaft erfundenen Worten.


3. Februar 2019

Stefan Zweig | Brief einer Unbekannten

Er spürte einen Tod und spürte unsterbliche Liebe: Innen brach etwas auf in seiner Seele, und er dachte an die Unsichtbare körperlos und leidenschaftlich wie an eine ferne Musik.

Fortsetzung folgt …


Zum Sammlungskonzept möchte ich noch festhalten:

  • Die Vermehrung der Sammlung wird ziellos, unkontrolliert und passiv angegangen.
  • Überschneidungen mit Sammlungsbeständen anderer Blogs usw. werden nicht begründet, können absichtlich initiiert oder bewusst herbeigeführt werden.
  • Änderungen des Sammlungskonzeptes treten spontan auf, was sich nicht positiv auf die Qualität der Sammlung sowie deren Kontinuität auswirken muss.
  • Etwaige Verlinkungen zu Exponaten sind an keine versteckten Affiliate-Systeme gekoppelt; will heißen: Es fließt kein Geld fürs Sammeln oder Bewahren.
  • Selbstverständlich sind alle Exponate Leihgaben und beziehen sich auf Zitate, Passagen, erste oder letzte Sätze, usw. aus der Literatur.
  • Ausstellungs-Feedback immer gerne, jedoch werden Trolle nicht gefüttert und müssen draußen bleiben.

* das Bild vom Himmel-Hölle-Hüpfspiel wurde gleichfalls ins Schreibbücherl übertragen, wenn ich auch normalerweise die Finger vom Zeichnen lasse, damit es nicht am Schluss nur noch 50 Seiten sind.

Simone de Beauvoir | Briefe an Sartre: 1930 – 1939
Wilhelm Genazino Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz
Stefan Zweig – Briefe einer Unbekannten

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