Naturpark Hohe Wand

Der Wald gibt ein Konzert

Klatsch! Aha, was war das? Klatsch! Da! Schon wieder? Irgendwas klopft gegen meine Kappe! Platsch, klatsch! Jetzt am Unterarm! Nicht doch! Sind das Regentropfen? Fängt es da oben, hoch in den Wipfeln, an zu rascheln? Aber es ist doch nichts zu sehen! Geben die Baumkronen gar einen Kammerton von sich? Sind das Streicher?

Laute Stimmen, das Husten der Wanderer im Hintergrund: „Bitte um Ruhe! Ich seh‘ nichts!“ Doch, jetzt! Schnell, immer schneller werden die Töne. Tatsächlich! Pssscht! Auf die Plätze – es geht los: Gleich gibt der Wald ein Konzert!

Regenhütte

Die ersten Regentropfen erreichen den ausgetrockneten Naturboden. Jeder Tropfen wirbelt dort eine staubfeine Schicht auf, mit jedem Aufprall steigt ein Stück des Walddufts auf. Ich beginne zu laufen. Die Regentropfen werden immer größer. Im Zickzack versuche ich den Tropfen auszuweichen. Zuerst spüre ich, wie meine Haut feucht wird, danach meine Haare, bald schon durchnässt der Regen meine gesamte Kleidung.

Endlich ahne ich es – doch der Wettlauf hat längst begonnen!

Was für ein Glück: eine Hütte! Rasch ziehe ich eine Bank unter das Dach und lasse mich fallen – kurz darauf wird es stiller. Der Regen prasselt ruhig dahin. Trippeltropf, vom Dach. Trippeltropf, vom Baum. Ich denke: Gleich kann’s weitergehen!

Aber was war das?

Ich fahre hoch! Ein Blitz! Das Musikstück wird wieder schneller: Die Pauken setzen ein. Der Regen springt am Boden dahin – er wirft Blasen. Alles trommelt. Alles klatscht. Alles pfeift. Zwei harte Schläge! Ein Donner, noch ein Donner: die großen Trommeln. Gleich die Becken und die kleinen Trommeln: Der ganze Wald, alles musiziert.

Nach etwa einer Stunde ist die Sinfonie zu Ende. Ruhiger Regen – der nicht enden wollende Applaus. Noch während des Beifalls verlasse ich meinen Platz. Ganz vorsichtig mache ich mich wieder auf den Weg. Mein Aufbruch bleibt geheim. Keiner bemerkt mich. Niemand hört meine Schritte, denn der Boden ist sehr weich – und allmählich verschwinde ich ganz im Rauch.

Lichte Stadt

Dunstschwaden wabern zwischen den Bäumen, aber es dauert nicht lange und winzige Lichter bannen sich ihren Weg. Im Wald beginnt alles zu glänzen und kleine Regentropfen schimmern in den Zweigen. Überschüssige Nässe läuft den dunklen Boden entlang. Wenige Pflanzen haben ihre Füße noch im Wasser, doch die Köpfe werden schon wieder von summenden Insekten bearbeitet. Inmitten des Waldes, auf einer Wiese, bleibe ich stehen. Das hohe Gras und ich strecken uns dem sanften Licht entgegen. Was gleich geschieht, ist unbeschreiblich schön, denn das Bühnenbild wechselt: vom Grau des Nebelvorhangs zum Glühen der Abendsonne – pures Gold.

Obwohl es langsam dunkel wird und in der Stadt schon die ersten Lichter angehen, bleibe ich noch ein bisschen, weil mir fällt plötzlich ein: Morgen ist Montag – und dieser Tag schlägt womöglich einen ganz anderen Ton für mich an.


Die Fotos sind im Naturpark Hohe Wand entstanden.

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Florian Hammer

Sehr schöner Text. Im Wald sein, zahlt sich immer aus. 🙂