Strand Kreta

Strand, Bier, Zigaretten, alte Filme und ein bisschen Meer: Notizen vom Sommer in Kreta

Im heurigen Sommer besuchte ich die griechische Insel Kreta. Normalerweise blogge ich über meine Reisen. Nun denke ich aber, dass es bereits genügend Reisetipps im Netz zu finden gibt und es braucht wirklich keinen weiteren Kreta-Artikel von mir. Und trotzdem wollte ich die berührenden und schönen Momente meines Inselsommers festhalten – somit sind eine Handvoll Feriennotizen entstanden:

Markttag I

In Chania ist Markttag. An einem Stand bekomme ich Trüffelkäse zum Probieren. Der Verkäufer ist sehr freundlich. Ich koste, nicke anerkennend und verhalte mich so, als würde mir der Käse ausgesprochen gut schmecken, obwohl ich mich Trüffelgeschmack ansonsten gekonnt verwehre. Daraufhin erklärt mir der Verkäufer, dass er gerade dieses Produkt verkaufen müsse, denn er könne Käse mit Trüffeln nicht ausstehen. Schon bald mache ich mich wieder auf den Weg, mit einem großen Stück Trüffelkäse.

Kakerlake I

Im Haus laufe ich einer riesigen Kakerlake über den Weg. Die Schabe flüchtet und stürzt über die Dachterrasse auf die kleine Gasse hinunter. In der Nacht begegne ich ihr aufs Neue. Sie entpuppt sich als mächtiger Antagonist. Nach einem langem Zweikampf erwache ich. Für eine Weile starre ich an die Zimmerdecke. Dann krame ich mein Notizbuch hervor. Zwischen Entschlossenheit und Enttäuschung schwankend streiche ich das Wort Australien für immer von der Reisewunschliste.

Freiluftkino I

Es spielt La Strada im Cinema Garden in Chania. Ich kaufe mir eine Karte. Die erste Szene zeigt Anthony Quinn, wie er als Zampano gleichgültig eine Zigarette raucht. Der Rauch löst sich von der Leinwand und steigt hinab ins Publikum. Fiktion und Realität, alles verschwimmt vor meinen Augen: felliniesk ­– oder weine ich?

Strandtag

Es ist Strandtag. Den Strandabschnitt erreicht man nur, indem man über eine Straßenplanke steigt und an einigen steileren Felsen nach unten klettert. Es sind drei Badegäste da. Dementsprechend ruhig gestaltet sich der Tag, bis die Mirage 2000 die Schallmauer durchbricht.

Strandtag II

Nach dem Schwimmen beobachte ich die Schwalben am Himmel und mir fällt ein, dass ich seit Tagen keine Nachrichten verfolgt habe. Plötzlich hab ich wieder die Mirage 2000 vorm inneren Auge und dummerweise stachle ich mich jetzt ordentlich in dystopischen Gedanken hinein. Irgendwann hänge ich nur noch ganz lethargisch im Liegestuhl und zerfließe langsam. Dann der befreiende Einfall: Ich packe mich zusammen und fahre nach Zorbas Beach, um dort gegen die Traurigkeit anzutanzen.

Braucht es vielleicht noch mehr alte Filmklassiker, die den Urlaub retten?

Ausflug

Um 6.30 Uhr verlasse ich das Haus.

Und wirklich, für einen kurzen Moment stehe ich ganz alleine auf den Stufen des Theaters von Knossos.

Kakerlake II

Als ich am späten Abend eine Dose Bier aus dem Kühlschrank holen möchte, trete ich um ein Haar auf diese Kakerlake. Das Vieh ist tatsächlich über die kleine Gasse und die dortige Haustüre wieder ins Innere gelangt.

Na dann, jamas!

Lieferant

Während ein Lieferant Moped fährt, sortiert er die Bestellungen. Plötzlich greift sich der Wind einen Zettel und trägt ihn fort. Der Essensbote stopft hastig die restlichen Adressen in seine Hosentasche. Jemand wird vergeblich warten, jedenfalls für eine Weile, denke ich.

Und schon verschwindet er hinter der nächsten Kurve.

Freiluftkino II

Endlich Donnerstag. Morgens Gemüsemarkt, abends Hitchcock.

Freiluftkino III

Großes Kino: Dank Fellini hab ich bei Hitchcock Lust auf Zigaretten.

Markttag II

Spätvormittags kaufe ich am Markt Orangen. Außerdem steht mir der Sinn nach einem Ei. Dann muss ich aber an Beauvoirs Die Welt der schönen Bilder denken und mir vergeht jäh der Appetit.

Wer war es doch gleich, der behauptet, dass Lesen den Geist befreit?

Welten

Ich schlüpfe durch ein versperrtes Tor und lande vor einem besetzten Haus. Eine kleine Gruppe mustert mich, doch zugleich werde ich geflissentlich ignoriert. Auf den Resten der alten Stadtmauer sitzend, betrachte ich dann die feinschmecklerischen Reisenden im Hafen. Währenddessen versuchen zwei der Hausbesetzer ein uraltes Motorrad zum Laufen zu bringen. Beinahe unsichtbar, zwischen diesen zwei Welten, bleibe ich noch lange.

Kakerlake III

Mitten in der Nacht erwache ich durch ein fürchterliches Geräusch. Ich eile zum Fenster und blicke auf die kleine Gasse. Es sind Katzen. Völlig high sitzen sie auf den Stufen vor der Haustür. Am Morgen werfe ich die Katzenminze wütend in die Mülltonne und verteile schlechte Bewertungen bei Beiträgen zu Baldrian und Katzenminze gegen Kakerlakenbesuche.

Überholmanöver

Überflüssige Vorhaben: kretische Busse passieren zu wollen.

Kakerlake IV

Ich sitze in einem Café. Völlig unvermittelt verfalle ich der Schaulust. Das Objekt meiner Begierde ist der Besitzer des Cafés vis-à-vis. Ich analysiere ihn zwei Espressi Freddi lang. Er hat am Unterschenkel eine Kakerlake tätowiert. Seine sieht verdächtig aus wie meine.

Hund

Während ich in einer Taverne in einem winzigen Dorf esse, legt sich der Haushund zu mir. Von Zeit zu Zeit schnappt er nach einer Wespe, ansonsten döst er friedlich. Der Hund heißt George. So wie der Großvater, der Vater und der Sohn. Außerdem ist der Hund nicht wie ein Hund, der Hund ist wie ein Mann, wird mir erklärt. Ich schaue auf meinen Teller mit dem empfohlenen Tagesgericht, allem Anschein nach war der Hase nur ein Hase.

Mauer

In Rethymno spaziere ich auf der Befestigungsmauer. Dabei kommt mir Claude Lévi-Strauss in den Sinn. Denn der Blick von hier oben zeigt die Welt als verkleinertes Bild und für einen Moment ist die Wirklichkeit weniger furchterregend. Nur ordnen werde ich in den Ferien recht wenig, beschließe ich.

Sprayer

Migrants are welcome. Tourists fuck off.

Ich begreife.

Touristenviertel

Wie die Kulissen unecht, ist das Publikum künstlich. Auf der Suche nach vollkommener Authentizität, umrahmt vom blauen Technikschein, starrt es ständig nur auf Totes.

Kakerlake V

Die gewaschene Wäsche liegt seit geraumer Zeit in der Waschmaschine. In der Aufregung des Tages habe ich sie glatt vergessen. Zur mitternächtlichen Stunde fällt es mir wieder ein. Ich schleiche die Wendeltreppe nach oben, um sie aus der Maschine zu holen. Als ich die Türe zur Kammer öffne, erstrecken sich lange Fühler im Schatten des Mondlichts über den kleinen Raum: Die Kakerlake blickt aus ihrem Versteck tadelnd auf die volle Waschmaschine. Von dir lasse ich mir bestimmt kein schlechtes Gewissen machen, denke ich. Trotzig schlage ich die Tür hinter mir zu und lege mich gleich wieder schlafen.

Dachterrasse

Wenn ich auf der Dachterrasse liege und geradeaus schaue, kann ich gleich drei religiöse Symbole auf ein und demselben Gebäude sehen: Minarett, Kirchturm und Fernsehantenne.

Bootstag

Am Boot nimmt der Genuss der Einschließung auf zwei Quadratmetern superlativische Ausmaße an.

Hafen

Farbimpulse beim Einfahren in den Hafen: Links ist wo das Herz sitzt, und das Herz blutet, und dieses Blut ist rot.

Buchkaffee

Im Buchkaffee bestelle ich Kaffee und lese ein Buch. VHS Kassetten waren aus.

Nordwind

Der Nordwind. Er blieb über Nacht.

Abreisetag

Es ist Abreisetag, aber ich will noch so gerne bleiben. Zudem will beim Frühstück der Kaffee nicht richtig gelingen. Das Brot will nicht in den Bauch hinunter und die Vermieterin will nicht und nicht daherkommen. Auch will der Autohändler das Mietauto nicht bereits jetzt retour. Die Flughafenkontrolle will nicht, dass ich meine Schuhe anlasse und der Shuttlebus will nicht alle auf einmal mitnehmen. Dass die Fluggäste im Gang herumstehen, will das Kabinenpersonal nicht, dafür will der Sitznachbar nicht mal für eine Sekunde ruhig sein. Und der Pilot will schon gar nicht bei einer Schlechtwetterfront abheben.

Endlich will ich dann auch nichts mehr, nur noch nach Hause.

Zuhause

Um mein Reisegepäck gänzlich von etwaigen blinden Passagieren zu befreien, friere ich Bücher und nicht Waschbares ein. Danach fahre ich in den Waschsalon um den Rest bei hohen Temperaturen zu reinigen respektive zu trocknen. Für den Koffer hole ich mir Vereisungsspray aus dem Baumarkt. Dort stehe ich mit vier Menschen in der Schlange. Ein Mann betritt das Geschäft. Er schaut uns grantig an und resümiert: „Naaa, oida, hearst, nur a Kassa“. Sofort muss ich an die Frage von Roman Jakobson denken: „Was macht eine verbale Botschaft zu einem Kunstwerk?“

Und weiter frage ich mich: Hat Jakobson eigentlich je Wien besucht?


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