Eine Inszenierungsanalyse von Michael Thalheimers Emilia Galotti

Einleitung


Der Prinz von Guastalla, Hettore Gonzaga, geht seinen Amtsgeschäften nach: Nichts als Beschwerden und Bittbriefe – bis eine Bittstellerin Emilia heißt. Schon der Vorname genügt, um ihn in Unruhe zu versetzen, denn seine Zuneigung gilt Emilia Galotti – gleichgültig lässt ihn jedoch der Brief seiner Geliebten, der Gräfin Orsina. Doch dieser aus Überdruss verschmähte Brief setzt eine folgenreiche Handlung in Gang: Die Gräfin reist dem Prinzen in sein Lustschloss nach. Dort trifft sie auf Odoardo Galotti, den Vater Emilias, und reicht ihm die Waffe, mit der seine Tochter ihr Leben lassen wird. Folglich entpuppt sich ein kleiner Anlass – der eines missachteten Briefes – über viele Szenen hinweg als Ausgangspunkt großen Unheils. Selbst wenn Ursache und Wirkung nicht unmittelbar mit dem Inhalt des Schreibens verknüpft sind, spielt der Brief in Lessings Emilia Galotti eine gewichtige Rolle, denn wie schon Claudia Galotti bemerkte, gilt: „daß ein Gift, welches nicht gleich wirket, darum kein minder gefährliches Gift ist“.[1]

Entsprechend möchte ich bei der Analyse der Frage nachgehen, wie dieses Briefrequisit in der Inszenierung von Michael Thalheimer eingesetzt wird. Requisiten findet man bei der Inszenierung selten, genau genommen sind es nur ein Brief und eine Waffe.

Analyse

Erster Aufzug: [2] Gräfin Orsina betritt die Bühne, in der Hand hält sie ein weißes, längliches Kuvert. Sie schreitet auf Hettore Gonzaga zu und kommt auf dessen Höhe zu stehen. Er hingegen verharrt unbeweglich. Weder begegnen sich ihre Blicke, noch verraten sie gegenseitige Anwesenheit. Orsina streckt die Hand in seine Richtung, ihre Finger öffnen sich und so mutet es an, als würde ihre Nachricht in einen Briefspalt gleiten. Buchstäblich fällt das Schriftstück vor die Füße des Prinzen: Der Brief ist zugestellt. Sie lächelt und verlässt die Bühne, erst jetzt entdeckt Hettore das Schriftstück. Er bückt sich, greift nach dem Umschlag, doch hält er plötzlich inne und schiebt das Papier, anstatt es an sich zu nehmen, in kreisenden Bewegungen vor sich her. Noch ein letztes Mal hadert er, dann zerknittert der das Kuvert, richtet sich auf und zerknüllt es nochmals zwischen den Fingern. Zugleich mit dem Eintreffen von Emilia Galotti lässt er das ruinierte Schriftstück achtlos zu Boden fallen. Der Brief bleibt, ausgehend von der soeben beschriebenen Szene, während der gesamten Aufführung an Ort und Stelle. Selbst abgelegte Kleidungsstücke werden so platziert, dass das Papierknäuel stets für das Publikum sichtbar bleibt.

Zweiter Aufzug: [3] Hettore Gonzaga wird noch mal auf die Botschaft der Gräfin aufmerksam, beinahe hätte er die Nachricht an sich genommen, aber er gerät ins Stocken, allegorisch schiebt er Orsinas Schriftstück mithilfe seines Zeigefingers beiseite. In der Tat erhebt er sich über ihre Worte, ohne sie je zu lesen.

Vierter Aufzug: [4] Die Gräfin trifft im Lustschloss ein, schließlich blieb ihre Nachricht unbeantwortet. Mit einer Pistole in der Hand schreitet sie die Bühne entlang, bis sie vor dem Schrieb stehen bleibt. Niedergeschlagen betrachtet sie das verschmähte Dokument. So gerne würde sie ihrem Leben nun ein Ende setzen, doch gelingt es ihr nicht – die Waffe landet unbenutzt neben dem Schriftstück auf dem Fußboden. Sie trifft auf Marinelli, den Kammerherren des Prinzen, bei dem sich die Abgewiesene über den Verbleib ihres Schreibens respektive den Umstand, dass sie auf ihre Ankündigung hin keine Antwort erhalten hat, erkundigt.[5] Marinelli bestätigt den Erhalt, hebt das Papier auf, räumt aber sogleich ein, dass das Dokument ungelesen ist.[6] Abermals wird das Papier zusammengedrückt, doch diesmal ist es der Kammerherr, der es erneut zu Boden wirft. Wenige Zeit später begegnet Orsina dem Vater, den sie über ihren Verdacht der Intrige aufklärt. Sie überreicht ihm die Waffe, während sie auf den Brief tritt. Dabei dreht sie ihre linke Schuhspitze auf dem Papierknäuel ganz so, als ob sie etwas für immer auslöschen wollte.[7]

1 Gotthold Ephraim Lessing, Emilia Galotti. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen, Historisch-kritische Ausgabe, Lessing: Werke in Einzelausgaben 1, hg. v. Elke Monika Bauer, Tübingen: Max Niemeyer 2004, S. 27.
2 Michael Thalheimer hat erhebliche Auslassungen in den fünf Aufzügen des Stückes vorgenommen, z. B. wurden die ursprünglich acht Auftritte im ersten Aufzug auf zwei verringert, oder der ursprünglich zweite Auftritt in den sechsten Auftritt im ersten Aufzug transferiert. Ebenso nimmt er Kürzungen von Auftritten in all den anderen Aufzügen vor. Im Zuge dieser Arbeit wird die jeweilige Briefszene im Aufzug unter Zeitangabe der Videoaufzeichnung angegeben. Der Auftritt wird nicht extra angeführt, da es, wie soeben ausgeführt, zu Verschiebungen kommt und daher weiterführende Informationen vonnöten wären, die jedoch über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen würden; Emilia Galotti, R.: Michael Thalheimer/Hannes Rossacher, Deutschland, 2002, Teil 1, Minute 03:48 bis 05:45.

3 Emilia Galotti, R.: Michael Thalheimer/Hannes Rossacher, Deutschland, 2002, Teil 1, Minute 27:56 bis 28:13.
4 Emilia Galotti, R.: Michael Thalheimer/Hannes Rossacher, Deutschland, 2002, Teil 2, Minute 10:46 bis 12:00.
5 „ORSINA. Nicht? So hat er meinen Brief heute Morgen nicht erhalten?
MARINELLI. Ihren Brief? Doch ja; ich erinnere mich, daß er eines Briefes von Ihnen erwähnte.ORSINA. Nun? habe ich ihn nicht in diesem Briefe auf heute um eine Zusammenkunft hier auf Dosalo gebeten?
Es ist wahr, es hat ihm nicht beliebet, mir schriftlich zu antworten. Aber ich erfuhr, daß er eine Stunde darauf wirklich nach Dosalo abgefahren. Ich glaubte, daß sey Antworte genug; und ich komme.
MARINELLI. Ein sonderbarer Zufall!
ORSINA. Zufall? – Sie hören ja, daß es verabredet worden. So gut, als verabredet. Von meiner Seite, der Brief: von seiner, die That“.

Lessing, Emilia Galotti, S. 54.; Emilia Galotti, R.: Michael Thalheimer/Hannes Rossacher, Deutschland, 2002, Teil 2, Minute 12:33 bis 12:59.
6ORSINA. Und wäre doch hier? und wäre doch auf meinen Brief hier?
MARINELLI. Nicht auf Ihren Brief –
ORSINA. Den er ja erhalten, sagen Sie –
MARINELLI. Erhalten, aber nicht gelesen.
ORSINA. (heftig) Nicht gelesen? – (minder heftig) Nicht gelesen? – (wehmüthig,
und eine Thräne aus dem Auge wischend) Nicht einmal gelesen?“

A. a. O., S. 55f.; A. a. O., Minute 14:44 bis 15:20. 7A. a O., Minute 27:40.

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