Entwicklung der Problemstellung

Susan Bordo geht in ihrem Buch Unbearable Weight. Feminism, Western Culture, and the Body bis ins viktorianische Zeitalter zurück und erklärt, dass im 19. Jahrhundert die erste (dokumentierte) kulturelle Einflussnahme auf die geschlechtsspezifischen Essgewohnheiten stattfanden.[1] Sie verbindet das Verhältnis unserer gegenwärtigen kulturellen Normen, die den Appetit der Frauen regulieren, mit den anfänglichen viktorianischen Praktiken des Hungers und des restriktiven Essens. [2] Auch in Österreich zeigt sich ein ähnliches Bild in diesem Jahrhundert, symbolisiert durch eine Figur anmutiger Schlankheit, oder anders gesagt, eine berühmte Hungernde, die mit dem Sisi-Syndrom medienbedingt bis heute als Referenz eines umstrittenen Krankheitsbildes dient:[3] Kaiserin Elisabeth von Österreich. Die Kaiserin machte aufgrund ihrer schlanken Taille, der aufwendigen Schönheitspflege und der extravaganten Essgewohnheiten, wie ausgepressten Fleischsäften und Veilcheneis, von sich Reden. Vielmehr erlangte sie aber Berühmtheit,[4] „… wegen jenes strengen Zeremoniells, das sie der Erhaltung ihrer Schönheit widmete“, [5] hält die Historikerin Regina Schulte fest. Mit Sport, Kosmetik und Diäten versuchte Elisabeth ihren Körper jung zu halten; sie erarbeitete sich eine „künstliche und selbstbestimmte Figur, deren Natürlichkeit restlos zu transfigurieren war“.[6] Die Praktiken der körperlichen Überwachung, sei es das Messen ihrer Taille, das exakte Protokollieren ihrer Nahrungsaufnahme oder das Dokumentieren ihres Gewichts, muten heutzutage möglicherweise absurd an, aber sind nicht moderne Rhythmen des Alltags in gleicher Weise von Klassifikationen und Vermessungen durchsetzt? Elisabeths stete Begleiter*in war die Waage und finden wir nicht gegenwärtig – mit diversen digitalen Kalorienzählern, Health-Apps oder Fitness-Trackern – ein noch viel dichteres alltagsweltliches Netz an Messpraktiken und -instrumenten vor? Angesichts dessen möchte ich in Bezug auf das historische Beispiel die „Technologien des Selbst im Alltag“ in Verbindung mit einer Mikropolitik der Medien, die Macht in Verbindung von Geschlechterdifferenz und gouvernementalen Formen der Selbstführung unter die Lupe nehmen. Insbesondere soll ein Medium im Fokus stehen: die Körperwaage der Kaiserin Elisabeth. Darüber hinaus möchte ich dies mit heutigen Praktiken des Self-Tracking verknüpfen und miteinander in Beziehung setzen.

Forschungsstand

Nach Michel Foucault zeigt sich ein Bruch zwischen „moderner“ Macht und früheren Formen der Machtausübung. Beginnend mit dem europäischen 18. Jahrhundert zielt die Macht weniger äußerlich auf den menschlichen Körper ab, sie arbeitet vielmehr durch ihn hindurch.[7] Der Körper wurde demnach nicht mehr von „oben“ Gehorsam abverlangt, sondern die Macht wirkte sozusagen von  „unten“.[8] Deshalb ist davon auszugehen, dass die Kaiserin Elisabeth, obwohl sie eindeutig der herrschenden Klasse zugehörig war, nicht von außen gezwungen war, sondern, dass sie Mikropraktiken – im Sinne von Körpertechnologien – trainiert haben. Mikropolitik, in diesem  Sinne verstanden, steht in enger Verbindung mit dem, was Foucault als „Mikrophysik der Macht“ untersucht hat. In Bezug auf die Medien, bedeutet dies: Sie verbreiten nicht nur Diskurse oder verarbeiten sie, stattdessen arbeiten sie auch an den von Deleuze und Guattari geprägten binären, zirkulären und linearen Segmentaritäten mit,[9] wie die Medienwissenschaftlerin Andrea Seier diagnostiziert.[10] Durch die Brille Foucaults möchte ich meine Gedanken nachfolgend anhand des gewählten historischen Beispiels noch weiter konkretisieren.

Kaiserin Elisabeth galt als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit freilich wurde dies durch ihre elitäre soziale Position hervorgehoben und sie pflegte selbst diesen Ruf sehr zu intensivieren – jedoch hielt man sie im Kindesalter für hübsch, aber nicht für schön. Sogar kurz vor der Begegnung mit Franz Joseph in Ischl bezeichnet man sie als unattraktiv, wie die Historiker Michaela Vocelka und Karl Vocelka festhalten. [11] Erst nach der Geburt ihrer ersten drei Kinder wurde Sisi als Schönheit anerkannt.[12] Zeitgenossen sahen in ihr etwas „Feengleiches“. Elisabeths Leben war geprägt von dem Bemühen, dass sie ihre privilegierte gesellschaftliche Position nicht nur ihrer Stellung als Kaiserin verdankte, sondern auch ihrer Persönlichkeit und individuellen Leistungen, rekonstruieren die beiden Historiker*innen.[13] Dazu zählte ebenso die Disziplinierung, die sie ihren Körper abverlangte.[14] Sie absolvierte tägliche Gewaltmärsche, ließ Gymnastikräume einrichten [15] und die aufwendig Pflege ihres makellosen Teints wird zu einem Art Ritual, dem große Aufmerksamkeit gewidmet wird.[16] Selbst nach der vierten Schwangerschaft brachte sie selten, bei einer Größe von 172 cm, mehr als 50 Kilo auf die Waage.[17] Elisabeths Körper war bis ins Alter zum Projekt geworden und sie erhoffte sich mit der Disziplin über den Körper, ihre Persönlichkeit und Selbstwert zu steigern. Abgesehen davon waren Medien an ihrer Selbstwahrnehmung stark beteiligt, denn die Kaiserin hat auf ihren Reisen mit dem Sammeln vielzähligen Schönheiten begonnen, erläutert Vocelka.[18] Sie sammelte nicht nur Fotos von Familienmitgliedern oder Aristokraten, ebenso bat sie österreichische Botschafter*innen um Porträtfotos von Menschen aus zahlreichen europäischen Städten.[19]

„Ich lege mir nämlich ein Schönheiten-Album an, und sammele nun Photographien, nur weiblich dazu. Was Du für hübsche Gesichter auftreiben kannst beim Angerer und anderen Photographen, bitte ich Dich mir zu schicken“.[20]

Diese „vergleichende[n] Studien hinsichtlich weiblicher Schönheit“[21] inspirierten sie, führt die Germanistin Lisbeth Exner aus. Die Doppelfunktion der Medien zeigt sich in diesem Fall mehr als deutlich, denn Elisabeth ließ sich nur von ausgewählten Malern porträtieren, die retuschierte Varianten oder Fotomontagen lieferten.[22] Doch sind es gerade diese Porträts, die den Mythos der ewig jungen Kaiserin begründeten.[23] Das heißt, einerseits waren die Medien Instrument für Elisabeth, anderseits stellten sie für sie einen Idealtyp als Utopie, ein praktisch zu erstrebendes Ideal dar. Tatsächlich spielte aber ein Medium für Elisabeth die wichtigste Rolle: Ihre Körperwaage. So gesehen schrieb die Kammerdienerin Marianne Meisel:

„Dr. Kerzl [der kaiserliche Leibarzt] sagt immer, wenn nur diese verdammte Waage nicht wäre, wer die Ihrer Majästet angeraten hat, soll dieser und jener holen, einen solchen Zorn hat er über die Waage, no dagegen erreicht er nichts, die ist und bleibt“.[24]

Der vorliegende Gegenstand gibt nun den Blick auf mehrere Aspekte einer Mikropolitik der Medien in Verbindung mit geschlechtsspezifischen Essgewohnheiten frei. Erstens kann Elisabeths Verweigerung von Essen durchaus auch an die spätere Individualisierungsdebatte, die seit den 1980er Jahren geführt wird, anschließen. Denn neben dem unterdrückten, disziplinierten und kontrollierten Körper, lässt die Individualisierung den Körper als Projekt erscheinen, für den häufig viel Arbeit aufgebracht wird, „womit in der Regel die Hoffnung verbunden ist, persönliche (zum Beispiel Selbstwert) oder soziale (etwa Anerkennung) Gewinne zu erzielen“, konkretisiert der Sportsoziologe Robert Gugutzer.[25] Zweitens unterstützten Sisi die Medien bei der stetigen Praxis der Beobachtung und Steigerung – sei es mithilfe der Gemälde, die sie sammelte, oder über die Aufzeichnungen, die sie führte, da sie täglich mehrfach ihr Gewicht kontrollierte sowie ihr strenges verordnetes zeitintensives Pflegeprogramm absolvierte. Drittens erfahren wir, wie die Selbstwahrnehmung des Körpers der Kaiserin, der als „Feengleich“ bezeichnet wurde, vor allem durch ihre Fotosammlung und Gemälde, die das kulturelle Verständnis von Weiblichkeit und Schönheit strukturierten, geprägt war. Die Skizzierung dieses weitreichenden Überblicks ist insofern wichtig, als Medien, verstanden als Mikrodispositive, sowohl Teilelemente von Marko-Dispositiven (Normalismus, Sexualität usw.), aber auch als Kombination heterogener Mikro-Dispositive aufgefasst werden können, betont Seier.[26]

Fragestellung

Infolgedessen lauten die Fragestellungen:

  • Wie produziert sich das „Selbst“ der Kaiserin Elisabeth anhand der Beziehung zu Objektivitäten wie der Körperwaage und den Mess- bzw. Gewichtsaufzeichnungen?
  • Wie schaltet sich Self-Tracking mithilfe von sogenannten „Health Apps“ in das alltägliche Leben ein bzw. wie wird es in den Alltag übersetzt?
  • Verstärken Self-Tracking-Apps die Geschlechternormen?

Darüber hinaus gilt es zu fragen, inwiefern Verbindungen zum historischen Beispiel gezogen werden können.

Methodisches Vorgehen

Andrea Seier entwickelte in ihrer Arbeit im Anschluss an Michel Foucault (2001–2005), Gilles Deleuze und Félix Guattari (1992) sowie Bruno Latour (2007), Angela McRobbie (2010) und Rosalind Gill (2007) eine mikropolitische Sichtweise auf gegenwärtige Medienkulturen. Im Blickwinkel steht dabei nicht ein „Mikro-“ als ein Gegenüber von Makroperspektiven und genausowenig ist damit ein Agieren von Einzelpersonen, im Gegensatz zum großen Ganzen, gemeint.[27] Vielmehr werden „Praktiken der Subjektivierung, die sich an der Schnittstelle von Fremd- und Selbstregierung vollziehen“ – für ihre konstitutive Wirkung sind sie an Medien gebunden – unter die Lupe genommen.[28]

Das bedeutet, diese Arbeit soll im ersten Teil eine Perspektive einer Mikropolitik der Medien einnehmen, die eng an Dispositivanalyse und Diskursanalyse geknüpft wird, sowie an Gouvernementalität als Regierungspraxis und Technologien des Selbst gebunden ist. Fokussiert wird dabei auf das Einzelmedium der Körperwaage sowie die Messdaten der Kaiserin Elisabeth aus den Tagebüchern ihrer Hofdamen.[29] Im zweiten Teil wird die Nutzung aktueller Trackingsysteme, mit denen das eigene körperliche Verhalten gemessen, kontrolliert, protokolliert sowie optimiert wird und die gleichfalls mit Foucaults Begriff „Technologien des Selbst“ zu fassen sind, auf ihre grundlegenden Eigenschaften hin untersucht. Im Mittelpunkt sollen hier Motive der gegenwärtigen Nutzung abgefragt werden. Die Forschungsmethode bestünde in qualitativen Einzelinterviews. Anhand dieser Empirie möchte ich einen Vergleich ziehen und Gemeinsamkeiten und Abweichungen zum historischen Beispiel herausarbeiten und diskutieren. Der letzte Teil der Arbeit konzentriert sich vor allem auf jenen Moment, in dem Subjektivierungsformen und -prozesse bzw. hegemoniale Geschlechterkonstruktionen in alltäglichen Interaktionen, wie Essen bzw. dem Wiegen o. Ä., als soziale Praktik im Rahmen heutiger medialer Dispositive zueinander in Verbindung gesetzt werden. Im Resümee würden Rückschlüsse auf die zuvor gewonnenen Erkenntnisse gezogen und die Forschungsfragen beantwortet.


[1] Vgl. Susan Bordo, Unbearable Weight, Feminism, Western Culture, and the Body, Berkley [u. a.]: University of California Press 22004, S. 179.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. Markus Burgmer, et. al., „Das ‚Sisi-Syndrom‘ – eine neue Depression?“, Nervenarzt 74, Mai 2003, S. 440–444, hier S. 440.

[4] Vgl. Regine Schulte, Der Körper der Königin. Geschlecht und Herrschaft in der höfischen Welt, Frankfurt/New York: Campus: 2002, S. 234.

[5] Regine Schulte, Der Körper der Königin. Geschlecht und Herrschaft in der höfischen Welt, Frankfurt/New York: Campus: 2002, S. 233.

[6] Ebd.

[7] Vgl. Michel Foucault, Überwachen und Strafen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1977 (Orig.: Surveiller et punir. La naissance de la prison, Paris: Gallimard 1975), S. 38.

[8] Vgl. a. o. O., S. 191.

[9] Vgl. Gilles Deleuze/Felix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin: Merve 1992, S. 284.

[10] Vgl. Andrea Seier, Mikropolitik der Medien. Kaleidogramme, Bd. 173, Berlin: Kadmos 2019.

[11] Vgl. Karl Vocelka/Michaela Vocelka, Sisi: Leben und Legende einer Kaiserin, Wien: Beck 2014, S. 65.

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. Vocelka/Vocelka, Sisi: Leben und Legende einer Kaiserin, S. 65.

[14] Vgl. Vocelka/Vocelka, Sisi: Leben und Legende einer Kaiserin, S. 69.

[15] In ihren Appartements in der Wiener Hofburg hat sich dieser erhalten.

[16] Ingrid Haslinger/Olivia Lichtscheidl/Michael Wohlfart, Kaiserappartements. Sisi Museum. Silberkammer. Die Residenz der Kaiserin Elisabeth, Innsbruck: Alpina Druck 42010, S. 57.

[17] Vgl. Vocelka/Vocelka, Sisi: Leben und Legende einer Kaiserin, S. 69.

[18] Vgl. a. a. O., S. 66.

[19] Vgl. ebd.

[20] Brigitte Hamann, Elisabeth Kaiserin wider Willen, München: Amalthea Signum 1997, o. A.

[21] Lisbeth Exner, Elisabeth von Österreich, Leibzig: Rowohlt 22004, S. 46.

[22] Vgl. Martin Mutschlechner, „Elisabeths exzentrischer Lebensstil“, Die Welt Habsburger, o. A., https://www.habsburger.net/de/kapitel/elisabeths-exzentrischer-lebensstil, 13. 06. 2020.

[23] Vocelka/Vocelka, Sisi: Leben und Legende einer Kaiserin, S. 74.

[24] Hamann, Elisabeth Kaiserin wider Willen, o. A.

[25] Robert Gugutzer, Soziologie des Körpers, Bielefeld: Transcript 2004, S. 45.

[26] Vgl. Seier, Mikropolitik der Medien, S. 53.

[27] Vgl. Seier, Mikropolitik der Medien, S. 116.

[28] Vgl. ebd.

[29] Gudula Walterskirchen/Beatrix Meyer, Das Tagebuch der Gräfin Marie Festetics: Kaiserin Elisabeths intimste Freundin, St. Pölten [u. a.]: Residenz 2014. Gudula Walterskirchen, „Der Franzi war ein wenig unartig“. Hofdamen der Habsburger erzählen, St. Pölten [u. a.]: Residenz 2013.

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