Im Online-Videoportal YouTube haben sich seit geraumer Zeit sogenannte Binge-Eating-Shows wie Mukbang etabliert. BJs (Broadcast Jockeys) oder Vloggerinnen erzählen während des Verzehrs von knusprigen Hähnchenkeulen, Burgern und Nudeln persönliche Geschichten oder verwenden spezielle Mikrofone, um Laute wie Schlürfen, Kauen und Schlucken überdurchschnittlich deutlich wiederzugeben (ASMR – Autonomous sensory meridian response). Indem sich die YouTuberinnen zumeist in den eigenen vier Wänden mästen, liefern sie den Zuschauerinnen intime Einblicke in ihr Privatleben. Entgegen der Tatsache, dass bei Mukbang übergroße Portionen an Essen verschlungen werden, sind viele der Darstellerinnen jedoch ungeahnt schlank – zumeist sind es junge Frauen.

Die Art und Weise, wie die Darstellerinnen essen, aber auch die enorme Menge an verzehrten Lebensmitteln, lösen offenbar eine hohe Immersion beim Publikum aus. In Kommentaren erzählen Zuschauerinnen von katharsisähnlichen Zuständen und berichten von einer entsprechenden stellvertretenden Befriedigung. Insofern kann es heutzutage nicht mehr als ungewöhnlich und mitunter als sehr lukrativ gelten, mit dem maßlosen Essen vor laufender YouTube-Kamera seine Brötchen zu verdienen. Die Besonderheit von Mukbang liegt in der übertriebenen Sensorik, da verschiedene Sinne gleichzeitig stimuliert werden: Essensgeräusche, endloses Reden, ausufernde Gesten, schnelle Völlerei, das Verschlingen von äußerst scharfen Speisen oder das Einblenden von Userinnen-Kommentaren. Das vermeintlich gemeinsame Speisen stellt sich als ein Akt der Intimität dar. Dieses „stellvertretende“ Essen wird dabei dermaßen aufgeladen, dass es fast schon als ein Zeichen einer bestehenden zwischenmenschlichen Beziehung wahrgenommen werden kann. Die Darstellerinnen zielen – beispielsweise mit entsprechend gewählten Kameraeinstellungen – darauf ab und suggerieren, dass die Betrachterinnen gemeinsam mit einer Freundin oder einem Freund speisen. Mukbang verwandelt also das soziale Stigma des „Alleinessens“ zu einer interaktionalen Ressource des „Zusammenessens“.

Das Phänomen Mukbang bedient sich dabei vielfältiger Mechanismen. Die Mukbang-Vlogger*innen sind zum größten Teil weiblich, schlank, jung und attraktiv, was ganz im Sinne der postfeministischen Sensibilität eine überragende Betonung des weiblichen Körpers zu sein scheint – und demzufolge einen entscheidenden „Wert der Frauen“ (z. B. in Bezug auf Rankingfaktoren, wie Views, Follower und Kommentaren usw.) auf YouTube darstellt. Aber ebenso zeigt das Phänomen eine Wendung zu unkörperlichen und immateriellen Produktionsformen. Im Gegensatz zu Foucault erkennt Byung-Chul Han die Psyche als eine Produktivkraft. Die neoliberale Psychopolitik, wie Han schreibt, erfindet immer raffiniertere Formen der Ausbeutung. In diesem Zusammenhang bekommt die Ausbeutung in Verbindung mit Essen und Vereinsamung eine neue Brisanz. Selbst wenn die Show gemeinsames Essen verspricht, konsumiert das Publikum in erster Linie gestaltete und modulierte Emotionen, folglich eröffnet Mukbang das Blickfeld auf ein unendliches Konsumfeld: die der emotionalen Intimität. Mit Byung-Chul Hans Worten gesprochen: „Dinge kann man nicht unendlich konsumieren, aber Emotionen schon“.[1]

[1] Byung-Chul Han, Psychopolitik. Neoliberalimus und die neuen Machttechniken, Frankfurt a. M.: S. Fischer 2014, S. 65.

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