Die Anfahrt ins burgenländische Kellerstöckl ist denkbar einfach: „Fahren Sie bis zum Schild ‚Kernöl und Kellerstöckl‘ und halten Sie dort, wir bringen Sie dann hin.“ Einen Moment lang versuche ich abzuwinken, zu erklären, dass ich keine Umstände machen möchte, dass das Navigationsgerät doch heutzutage alles findet und wir uns gleich vor Ort treffen könnten. „Nein! Unser Kellerstöckl findet Google bestimmt nicht“, beharrt Anton. Mit einem Wort: schachmatt. Also gesagt, getan, der Kleinwagen hält brav vor „Kernöl und Kellerstöckl“. An Ort und Stelle werden die Hände geschüttelt, es bleibt diesbezüglich auch wenig Zeit für Diskussionen, denn es ist nicht leicht, den Allrad vom Anton zu verfolgen. Schon gar nicht für jemand, der mit 50 PS durch hügelige Landschaften fährt. Von Zeit zu Zeit nimmt Anton den Fuß vom Gaspedal und in etwa eine Viertelstunde später habe ich einen Kellerstöcklschlüssel mit Herzerlanhänger in der Manteltasche und verbringe ein Wochenende dort, wo weder Mensch noch Suchmaschine mich finden kann.

Kapellenland

Als Anton mich im Häuschen herumführt, meint er, dass ich im Schlafzimmer wie in einem Sarg schlafen werde. Daran muss ich denken, als ich in der ersten Nacht die Elektroheizung ausschalte, weil sie mir dann doch zu laut brummt. Aber tatsächlich fährt das ganze Wochenende nur ein einziges Fahrzeug vorbei, ein Traktor. Am Sonntag um 7 Uhr – ansonsten die prophezeite Totenstille. Doch dieses eine Geräusch reicht, um im Halbschlaf zu fantasieren, dass es womöglich geschneit haben könnte, da mich der Traktorenlärm an einen Schneepflug erinnert. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es ohne Elektroheizung doch etwas frisch im Sarg ist. Dafür sind die Tage sonnig. Obgleich das Kellerstöckl um diese Jahreszeit schattig liegt – es befindet sich direkt am Waldrand –, schaffen es spätnachmittägliche Sonnenstrahlen über die Böschung herunter und fallen auf eine Holzbank – genau dort, wo mein Uhudlerglas steht und ich sitze. In Wirklichkeit ist es ein weißer Spritzer aus niederösterreichischem Riesling, den ich im Kleinwagen über die Grenze geschmuggelt habe, aber das muss ja keiner wissen. Von Zeit zu Zeit verlasse ich das Kleinod, um in der Sonne zu spazieren. Was mir dabei auffällt: Es gibt im Burgenland unzählige Kapellen – so gesehen müsste es eigentlich Kapellenland heißen. In einer Ortschaft gefallen mir die Glasfenster der Kapelle besonders gut. Als ich ein Foto davon machen möchte, kommt ein Mensch schnurstracks auf mich zu. Ich überlege mir rasch gute Argumente, so wie der Anton sie parat hat, weil ich mir sicher bin, irgendetwas angestellt zu haben, das den Eingeborenen gegen den Strich geht. Jedoch stellt sich heraus: Der Mensch heißt Franz und kommt aus Graz. Franz lebt schon lange im Burgenland, hat sich vor fünf Jahren ein Kellerstöckl gekauft, aber noch immer großes Heimweh nach der steirischen Hauptstadt, selbst wenn die Herrengasse zusehends verkommt. Er zeigt mir seinen Blumengarten, der über den Hang und bis zur Kapelle runter reicht. Zwischendurch überlege ich, ob ich beim Fotografieren vielleicht irgendwo reingestiefelt bin, aber noch ist nicht viel zu sehen, auch nicht die Wühlmäuse. „Denn die fressen ratzeputz alle Tulpenknollen“, erklärt er mir, obwohl er sich aus Deutschland „Wühlmaus ade“ bestellt hat und seither alle Gänge ausschließlich zum Nachbarn rüberlaufen. Wir grinsen beide. „Im April werden hier überall Narzissen stehen“, verspricht mir Franz und ich verspreche ihm wiederzukommen.

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Kellerstöckl Südburgenland
Kellerstöckl Südburgenland
Kellerstöckl im Südburgenland
Kellerstöckl Südburgenland
Kapelle Südburgenland
Fenster Kappelle
Kellerstöckl im Südburgenland
Kellerstöckl im Südburgenland
Maisfeld Südburgenland

Kellerstöckl

Später heize ich im Kellerstöckl ordentlich ein. Für diesen Zweck befindet sich ein schön geschlichteter Holzstoß vor dem Häuschen. Jedes einzelne Holzscheit ist beintrocken. Davon erzähle ich meiner Mama abends am Telefon. Erstens, weil telefonieren im Gegensatz zum mobilen Internet funktioniert und zweitens, weil sie immer gute Tipps auf Lager hat. Denn seit dem Abendessen und einer Punkt-Punkt-Schnitte greift die Langeweile im Kellerstöckl gar heftig um sich – sie verbietet mir sogar den Griff zum Buch.

Die angesprochene Süßigkeit habe ich direkt in Güssing in einer Bäckerei gekauft. Als ich sie auf den Verkaufstisch lege, starrt die Verkäuferin – die normalerweise etwas anderes macht und nur zur Aushilfe ist – nervös auf die Kassa, da ich etwas erworben habe, was sich nicht so einfach zuordnen lässt. In der Zwischenzeit kommt Frau Schneider zur Tür herein, um ihr Päckchen aufgeschnittenes Brot abzuholen. Die Kollegin erklärt der alten Dame, dass beim Backvorgang etwas schiefgegangen sei und nun die Brotscheiben unschöne Löcher hätten. Um es wiedergutzumachen, gibt sie Frau Schneider ein Päckchen Brotscheiben gratis dazu. Frau Schneider ächzt, aber sucht umgehend den passenden Betrag zusammen. Mit ihren steifen Fingern dauert es, bis sie die Münzen aus ihrer Geldbörse geklaubt hat. Bis auf den letzten Cent liegt nach vielen Minuten der genaue Betrag auf den Tresen und das ganze Geschäft freut sich mit Frau Schneider, als sie stolz verkündet: „So genau habe ich es noch nie gehabt.“ Zwischenzeitlich ergreift die Verkäuferin die Gelegenheit, der Aushilfe zuzuraunen, dass sie für meine Nachspeise Punkt-Punkt-Schnitte eingeben muss. Doch trotz Punkt-Punkt-Schnitte vergeht die Zeit im Kellerstöckl langsam. Hier am Ende des WLANs gerinnt die Zeit nicht, sie wird dickflüssig. Wie ein zähes Gel legt sie sich auf Möbel, auf Wände und Boden. Das Ticken der Pendeluhr gibt der Viskosität den Takt vor: Eine Sekunde ist eine Stunde, eine Stunde ist ein Tag. Meine Mutter, noch immer am Telefon, fragt mich plötzlich, ob ich recht weit weg parke. Als ich verneine, meint sie, ich könne ja ein paar von den trockenen Scheiten einladen. Ich muss lachen, wenngleich ich mir nicht ganz sicher bin, ob sie es nicht doch ernst gemeint hat.

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Grenzerfahrungsweg Bildein
Eisener Vorhang Burgenland
Grenzerfahrungsweg Bildein

Kreuzstadl

Am nächsten Tag fahre ich zum Grenzerfahrungsweg und berühre den ehemaligen „Eisernen Vorhang“. Ausgehend vom Stacheldrahtkorridor geht es nach Rechnitz. Auch beim Kreuzstadl berühre ich die Mauern. Tieftraurig steige ich zurück ins Auto, fahre aber nicht los. Ich fühle mich wie gelähmt. Ich schaue durch die schmutzige Windschutzscheibe. Mein Blick pendelt zwischen gelben Billa-Sackerl und Wiesen und Äckern neben dem Kreuzstadl, dort, wo sich in wenigen Monate ebenso gelbe Rapsfelder ausbreiten werden. Ich kann nicht aufhören, an das Massaker zu denken. Vor meinem inneren Auge sehe ich die nackten Menschen, die vor dem L-förmigen Graben knien – es fallen Schüsse und Todesschreie. Ich versuche, mich zusammenzureißen, halte die Tränen zurück und mache mich auf zu Anton und seiner Frau Aloisia, um den Herzerlschlüssel abzugeben und meine Unterkunft zu bezahlen.

Aloisia und ich scherzen ein wenig, trotzdem kann ich nie ihr Lachen sehen. Sie hält sich bei jedem noch so kleinen Schmunzeln die Hand vor den Mund, weil ihr ein Zahn ausgebrochen ist und sie erst am 28. einen Zahnarzttermin hat. Ich erkundige mich, ob die Schmerzen groß sind und als sie den Kopf schüttelt, schimpfen wir kräftig über Zahnarzttermine. Angestachelt von Zahnarztgeschichten halte ich am Heimweg in Lockenhaus, um eine Kugel griechisches Joghurteis in der burgenländischen Sonne zu genießen.

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MAHNMAL KREUZSTADL in Rechnitz
MAHNMAL KREUZSTADL in Rechnitz
MAHNMAL KREUZSTADL in Rechnitz
MAHNMAL KREUZSTADL in Rechnitz
MAHNMAL KREUZSTADL in Rechnitz
Kreuzstadl Rechnitz

Kohlenbaron

Zurück im eigenen Zuhause ist es auch nicht unbedingt wärmer als im Kellerstöckl. Mein Holz vom Kohlenbaron brennt schlechter. Unweigerlich erinnere ich mich an die zündenden Ideen meiner Mama. Außerdem haben die Nachbarn Gäste geladen und der mitgebrachte Wasserhund bellt durchgehend bis Mitternacht. Die Internetverbindung steht auch wieder und es erreichen mich Bilder vom Autokorso unter gefährlichen Flaggen. Nun siegt doch die Traurigkeit. Im Bett liegend läuft mir eine dicke Träne aus den Augenwinkeln über die Backenknochen an den Ohrenstöpseln vorbei ins Innenohr. Dort vermischt sie sich mit dem Wasserhundgebell und dem Gelächter der Gäste, mit Schüssen, den Schreien der jüdischen Gefangenen und den Geräuschen des allabendlichen Wiener Autoverkehrs.


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